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Auf dem Infotisch der Stadtbücherei hat die lokale Schwulengruppe ihren Flyer platziert. Der Bürgermeister hat dessen Entfernung angeordnet. Da es schliesslich um Menschenrechte geht, lockt eine von der Schwulengruppe veranstalte Demo auch Unterstützer an. Die Demo hat Erfolg und die Flyer kommen auf den Infotisch zurück. "Alle freuen sich. Dann geht ein gesitteter Sturm auf die Bibliothek los. Die meisten haben das berühmt gewordene Flugblatt nie gesehen. Jetzt holen sie sich eins. Um es zu sehen und als Andenken aufzubewahren...Der Sturm auf die Bibliothek hat natürlich den Effekt, dass wieder keine Flyer der lokalen Schwulengruppe in der Bibliothek ausliegen."

Es sind solche paradoxen Zusammenhänge, die der Autor des Buches "Henningstadt" mit großer Lust aufspießt und uns serviert. Er lässt drei verwitwete schwarzgekleidete Schwestern kuchenbackend, blumengiessend und gräberrechend durch die Szenerie geistern - drei Nornen, die three Witches aus Macbeth oder vielleicht auch nur drei alte Schachteln. Es gibt einen Brief an den lieben Gott und wir lernen eine ausgekochte Berliner Transe kennen, die mit dem Schicksal telefoniert und in dem unnachahmlich komischen Buch "Lebensansichten einer gepflegten Tunte" liest, welches ebenfalls von Marcus Brühl stammt und schon 1997 erschienen ist. Der Roman "Henningstadt" folgte 2001 bei Männerschwarm und ist 2012 erneut im Bruno Gmünder Verlag herausgekommen. Und zwar in der recht preiswerten, sagen wir mal Vintage-Reihe "Die Besten", in der auch so erfolgreiche AutorInnen wie David Leavitt, Edmund White und Tony Fennelly zu haben sind.

"Henningstadt" gehört zum beliebten Genre der Coming-out-Romane, die man immer wieder gern liest, weil für immer gleiche Problemkonstellationen immer wieder neue Lösungswege gefunden werden. Brühl beschreibt den Weg des 17-jährigen Henning durchs Coming-out auf höchst unterhaltsame Weise. Wie er zufällig den nächtlichen Schwulentreffpunkt auf dem örtlichen Friedhof entdeckt und den Weg in die schon genannte Schwulengruppe findet. Wie sich bei dem unabwendbaren Gespräch mit den Eltern die Minuten zu Jahren dehnen - das ist mit Sicherheit der literarische Höhepunkt des ganzen Romans. Henning kriegt wegen seines Coming-outs Stress mit seiner besten Freundin. In der lokalen Schwulengruppe findet Henning den 10 Jahre älteren Steffen als Freund. Da stellt sich nach dem Honeymoon dann alsbald die Frage, wie es weitergehen soll, wenn es weitergehen soll. Steffen flüchtet nach Berlin, Henning reist ihm in den Moloch Subkultur nach, wo die junge Liebe ihre ersten Bewährungsproben bestehen muss. Sex findet reichlich kreuz und quer und cross-over statt. Und schließlich muss die Frage beantwortet werden, ob es ein Zeichen von Reife oder von Vertrottelung ist, wenn man dem eigenen Partner noch vertraut, der einen gerade betrogen hat. Also alles da für eine unterhaltsame Urlaubsunterhaltung.

Wenn, ja wenn der Anlass unserer heutigen Buchvorstellung nicht der wäre, dass der Autor Marcus Brühl im Frühjahr dieses Jahres nach einem epileptischen Anfall tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Er wurde 39 Jahre alt. Er kam aus Siegen ("Henningstadt") nach Berlin und muss ein tougher Typ gewesen sein, nach dem, was man über ihn lesen kann. Leider habe ich ihn nicht persönlich gekannt. Er muss auch einer gewesen sein, der nichts ausgelassen hat und der die Subkultur so sehr in vollsten Zügen genoss, dass es nach fulminantem Start in den letzten Jahren zu einer Schreibblockade kam. Sein Verleger Joachim Bartholomae hat einen ebenso offen- wie warmherzigen Nachruf in der Juni-Siegessäule veröffentlicht, der sehr zur Lektüre empfohlen wird.

Wie schön, dass es "Henningstadt" noch zu kaufen gibt. Der Roman hat seine jugendliche Frische bewahrt, obwohl es noch vor dem Handyzeitalter spielt. Das fällt einem erst nach einiger Zeit auf, wenn ein Protagonist eine Situation nicht, wie er es heute täte, kurzerhand durch einen schnellen Griff zum Smartphone klärt.

Das Buch enthält eine ganze Menge Anspielungen und Zitate, die besser entschlüsseln kann, wer über einen bildungsbürgerlich-kirchlichen Hintergrund verfügt. Aber auch so versteht man ja vieles davon. Den 3. Satz aus Beethovens populärer "Mondscheinsonate" nennt Brühl ein "huschendes Klaviergetöse", was ich nicht schlecht finde, was bei einer Prüfung im Fach Musikwissenschaft aber vielleicht nicht durchginge. Die Sonne lässt Brühl aufgehen "mit dem ganzen Getöse ihrer goldenen Pracht". Ach ja, "das Herannahen der Sonne mit ungeheurem Getöse" hat schon Goethe so beschrieben.

Nachvollziehen kann man auch, wie angenehm es sein muss, wie Steffen in Aix-en-Provence am Cours Mirabeau unter den schattigen Bäumen zu sitzen und sich einen Kaffee reinzuziehen. Was macht es da schon, dass es sich bei den Bäumen nicht um Kastanien, sondern um Platanen handelt. Aber: sowas darf einem Lektor nicht entgehen.

Ganz zum Schluss mündet das Buch noch in einen kleinen Kriminalfall, bei dem sich zwei Männer auf dem schon erwähnten Friedhof prügeln. Einer davon fällt so unglücklich auf eine Grabsteinkante, dass er wochenlang auf der Intensivstation liegt, aber durchkommt.

Hat der Autor hier seinen Sturz, der ihn das Leben kostete, vorausgeahnt ? Wir wissen es nicht. Aber wir trauern um einen begabten Schriftsteller, der auch Erzählungen und Gedichte verfasst hat. Und sollten ihn nicht so schnell vergessen. Er war doch einer von uns.

Marcus Brühl, "Henningstadt", Bruno Gmünder Verlag, 250 S.

© Jörg Bressau