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Andreas Bertram, das ist der schwule Junge, den es aus dem Sauerland nach München verschlagen hat. Und der uns im Sommer schon einmal begegnet ist. Als wir danach gefragt wurden, ob wir denn einen Tipp für eine federleichte Lektüre für den Strandkorb hätten. Ja, den hatten wir. Nämlich sein erstes Buch "Schmeckt nach Urlaub und macht nicht dick".

Andreas Bertram schreibt jedoch bienenfleissig weiter und so ist schon bald danach sein zweites Buch auf unserem Bücherstapel gelandet: "Riecht nach Ärger und weihnachtet sehr". Es geht einem mit Andreas Bertrams Büchern wie mit Ralf Königs Comicheften oder Mozarts Klavierkonzerten - liebst Du eins, liebst du alle.

Andy ist auch der Ich-Erzähler des neuen Buches. Er tingelt weiter durch die Münchener Schwulenszene, die so ganz anders ist als bei uns in Berlin. Es gibt eine Schickeria, die sehr "posh" ist, Geld spielt in München eine viel größere Rolle und reich zu sein eröffnet auch neue Möglichkeiten. Noch mehr Stoff also für viele kleine Momentaufnahmen des schwulen Lebens. Dessen Widersprüchlichkeiten und Absurditäten werden genüsslich aufgespießt und vorgeführt. Episode reiht sich an Episode wie Perlen auf einer Schnur. Die Dialoge sind witzig und schlagfertig, gelegentlich ironisch. Na gut, ein bisschen trivial geht es manchmal zu. Aber das gönne ich mir einfach mal. Auch das Leben kann ja so trivial sein.

Ausgelassen wird auch diesmal nichts: der Lactosefimmel, der Botoxfimmel, der Penisvergrößerungsfimmel - gut beobachtet, gut gebrüllt!

Dann geht es nach Rom auf Pilgerfahrt. Natürlich werden alle Clichés bedient: wie Andy nicht gleich, aber doch bei der zweiten sich bietenden Gelegenheit dem Drängen des Reiseleiters, eines 45-jährigen pausbäckigen katholischen Pfarrers nach- und sich ihm in einer spartanischen Pilgerherberge hingibt. Was war das denn nun - der Alkohol, ein Ausrutscher, Teufelswerk oder wie oder was ?

Aber Rom wäre ja nicht Rom, wenn nicht am Tiberufer schon der nächste Kerl des Weges käme. Der heisst Felix und hat grüne Augen. Und wenn Andy dann nach einer Art Road-Movie durch das nächtliche Rom schließlich in einer stylishen Badewanne zu sitzen kommt und wenn Felix sich dann in dramatisch sorgsam bedachtem Zeitlupentempo Socken und T-Shirt auszieht, dann ist ganz klar, mit diesem Oberkörper hätte sich Michelangelo ihn sofort als Vorbild für seinen David genommen. Darunter tut es der Autor nicht. Und zu Andy in die Wanne steigt, nachdem er auch seine Unterhose noch ausgezogen hat, Felix natürlich auch ...

Das liest sich supergut. Aber manchmal hängen die Bilder auch etwas schief im Rahmen: Von einer Party wird berichtet wie die offenen Fenster Licht und Lärm hinaus in die Nacht auf einen kleinen Hinterhof fallen lassen. Und wie der, der Hinterhof, "das Gelächter dann zu den Sternen hinaufwarf" - ob es da je angekommen ist ? Das klingt jedenfalls verdächtig nach dem Autorenschreibkurs der Volkshochschule Fröndenberg.

Von Andys Schulfreund wird gesagt, er sei in den Osten gegangen,um dort zu expandieren. Wieviel kg mag er dabei wohl zugenommen haben? Sowas hätte kein Lektor durchgehen lassen dürfen. Auch nicht, dass "ein herrlicher Duft nach frischgebackenen Waffeln über den Platz zog". Und von einem Gleichaltrigen darf der Ich-Erzähler sagen, er besitze eine "für sein Alter" erstaunliche Weltläufigkeit. So redet die Altersweisheit, aber das ist nicht die passende Erzählperspektive, wenn beide 30 sind.

Schluss jetzt mit dem kleinlichen Gemeckere. Denn ist es wieder ein sehr gelungenes, unterhaltsames Buch geworden. Es hat ein bisschen was von Gartenlaube, jener Illustrirten Zeitung aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, wo selbst der Autor eines Fortsetzungsromans - Karl May war so einer ! - noch nicht wusste, wie es in der nächsten Folge weitergehen würde. Der Leser weiss erst recht nicht, was hinter der nächsten Biege lauert. Das macht die Lektüre spannend.

Das Finale ist dann große Oper, zu dem nahezu das gesamte Personal in dem fiktiven bayerischen Wallfahrtsort Schöffarthshofen aufläuft. Bevor aber der Weihnachtsstern krachend auf die Krippe herabstürzen darf, müssen wir auch noch durch einen in den letzten Teil des Buches verwobenen Kriminalfall durch. Das ist aber eindeutig des Guten zuviel. Richtig Krimi kann der Autor gar nicht und die rechte Spannung kommt daher nicht auf. Gut, dass auch das nur eine Episode bleibt.

Insgesamt ein Buch, das man gern liest, wenn man im Wartezimmer sitzt und auf die nächste Fettabsaugung wartet. Oder im Bürgeramt auf die Ausstellung eines vorläufigen behelfsmäßigen Personalausweises wartet, weil der alte die Waschmaschine nicht überlebt hat. Oder im Regionalexpress zwischen Hangelsberg und Fangschleuse auf das Ende einer Signalstörung warten muss, bevor es vielleicht weitergeht. Oder wenn man einfach nur mal entspannen will und von allen angesagten Telenovelas die Schnauze voll hat.

Ach ja, die Telenovelas! Das Buch schreit geradezu danach, zum Stofflieferanten für eine Vorabendserie zu werden. Mit nur wenigen Handgriffen liessen sich die ohnehin schon filmfreundlich angelegten Episoden in ein Drehbuch mit zahlreichen unterhaltsamen Fortsetzungen verwandeln. Wenn irgendwann einmal ein Sender den Mut aufbringt, uns eine schwule Vorabendserie zu bescheren - bei Andreas Bertram gibt es Stoff dafür in Hülle und Fülle!

Soweit ist es aber noch nicht. Im Augenblick haben wir erstmal nur das Lesevergnügen. Wer bestens unterhalten sein will, der liest hier richtig.

Andreas Bertram, Riecht nach Ärger und weihnachtet sehr, Querverlag Berlin, 343 S.

©Jörg Bressau