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Ausländer ist jeder fast überall. Aber wenn eine zur Ausländerin wird in dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen ist, dann ist das nicht nur absurd, sondern auch schwer verdächtig, menschenrechtswidrig zu sein.

Die eben 18 gewordene Amra befindet sich gerade mitten in ihrer Ausbildung zur Kfz.-Mechatronikerin, als ein Brief sie zum sofortigen Verlassen der BRD auffordert und die Abschiebung androht. Gutgemeinte Aktivitäten von Klassenkameraden, Arbeitskollegen, zwei Pizzabäckern und anderen können das nicht verhindern und Amra wird zwangsweise abgeschoben. Das bedeutet den Abbruch ihrer Berufsausbildung und die Trennung von ihren Freunden, insbesondere von ihrer Freundin Nina, die sie liebt.

Davon und was dann noch alles passiert handelt das Buch "Amra und Amir - Abschiebung in eine unbekannte Heimat" von Maria Braig.

Wenig später findet Amra sich im Kosovo wieder - in einem Land, in dem sie noch niemals war, dessen Sprache sie nicht spricht, das aber angeblich ihre Heimat sein soll. Vom Bruder ihrer Mutter wird sie widerwillig aufgenommen. Der Onkel bietet seine 18-jährige Nichte auf dem lokalen Heiratsmarkt an, um sie alsbald zwangszuverehelichen. Amra flieht und versucht von da an als der Junge Amir in dieser frauen- und lesbenfeindlichen Welt zu überleben: er schläft auf einem Schrottplatz in einem Autowrack und tagsüber sucht er eine Müllkippe nach Verwertbarem ab. Den Winter übersteht Amir bei einer Burrnesha. Das ist in der albanischen Kultur eine Frau, die förmlich erklärt hat, als Mann unter völligem Verzicht auf Sex leben zu wollen und fortan von der Gesellschaft als Mann voll anerkannt wird.

Im Frühjahr holt Nina ihren Geliebten Amir illegal nach Deutschland zurück, wo er eine zeitlang unerkannt leben kann, bis er der Polizei bei einem lächerlichen Blechschaden auffällt und der Abschiebungskreislauf von neuem in Gang gesetzt wird.

Zu Beginn des Romans ist Amra, wie die Lesben sagen, "noch im Schrank", hat ihr coming-out als Lesbe also noch vor sich. Erst im Kosovo erkennt sie, dass sie ihre Mitschülerin Nina liebt, doch da ist inzwischen aus Amra, der jungen Frau, Amir, ein junger Mann geworden. Zu Problemen führt das alles aber nicht. Anders als ich es erwartet hatte, liefern das Coming-out und die Gender-Problematik keine entscheidenden Impulse für den Roman. Eine Chance ist da vertan.

Maria Braig hat vielmehr einen Roman geschrieben, der illustrieren soll, wie menschenrechtswidrig und unmenschlich unser Ausländerrecht im Einzelfall sein kann. Der Roman soll uns rühren und aufrühren. Maria Braig bezieht eindeutig Position und überspitzt liesse sich sagen, dass wir es mit einer politischen Kampfschrift in Romanform zu tun haben.

Da wird dann schon mal ausgeteilt: "Die deutschen Behörden, diese Verbrecher". Ob das der Sache nützt, mag jeder selbst entscheiden. Immerhin könnte es einen Fall wie diesen in den USA gar nicht geben, weil jede/r im Lande Geborene automatisch die amerikanische Staatsbürgeschaft besitzt.

Nicht plausibel ist es, dass sich die erneute Abschiebehaft wegen eines angeblich fehlenden Passes verlängern soll, da Amra/Amir den kosovarischen Pass bei ihrer Wiedereinreise nach Deutschland dabei hatte.

Unbefriedigend finde ich, wie obenhin die Autorin die Möglichkeit abtut, dass Nina und Amra durch die Begründung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft den weiteren Umtrieben der Ausländerbehörde entgehen könnten. Natürlich ist auch dieser Weg steinig. Denn wenn eine homosexuelle Orientierung "nur" in Deutschland aktenkundig wird, hat ein Ausländer_in oft die begründete Angst, dass ihr/ihm daraus in ihrem/seinem sog. Heimatland große Unannehmlichkeiten entstehen können. Und auch die deutschen Behörden schnüffeln gern und lang im Privatleben der betroffenen gleichgeschlechtlichen Lebenspartner herum. Aber ein möglicher Weg ist es für einige eben doch.

Auch sonst fehlt mir vieles, damit das Lesen richtig Spaß macht.

Einmal fehlt mir das Feuer. Der unbändige Wille, einen Stoff unbedingt in eine literarische Form zu zwingen. Laut Nachwort sind die einzelnen Bauelemente der artig zusammengefügten, aber auf weite Strecken vorhersehbaren Patchwork-Story sogar dem wahren Leben entnommen. Als ob das schon die Garantie für ein gutes Buch wäre! Manches, wie der Burrnesha-Einschub, wirkt wie aus einem Lexikon abgeschrieben. Das bildet zwar, aber an so einer Schreibe kann ein Roman schon mal ersticken.

Und dann die gefühlvollen Passagen, wenn es zur Sache geht. Hört doch mal rein: "Es gab Momente, in denen sie aneinandergedrängt am Ufer der Adria saßen... Dann küssten sie sich...und erforschten und liebkosten gegenseitig und gemeinsam ihre Körper und ihre Seelen. Und sie schoben den Schatten weit weg, dorthin, wo die Erde zu Ende zu sein schien. Vielleicht war die Erde ja doch eine Scheibe, und da ganz hinten, wo das Meer zu Ende war, würden sie all ihre Probleme in die Tiefe werfen". Was, wenn nicht das, ist denn sonst Kitsch?

Am allermeisten fehlt mir aber der Humor! Das geht nicht, höre ich ? Das Leben auf der Müllkippe ist nun wirklich nicht lustig, sagt da wer? Leute, ihr glaubt nicht, wie witzig man gerade über "sowas" schreiben kann ? Dann müsst ihr nur allerschnellstens die Lektüre von Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" von 2010 nachholen, wo genau das Leben auf der Müllkippe mit wunderbarem Humor, ja geradezu brüllend komisch dargestellt ist. Nichts von alledem aber bei Maria Braig, leider.

Ein sympathisch engagiertes Buch, eine brav collagierte Story, aber ein fesselnder Roman ist es nicht.

Maria Braig, Amra und Amir - Abschiebung in eine unbekannte Heimat, Verlag 3.0, 188 S.

 

© Jörg Bressau