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Mit 22 Jahren ein Bestsellerautor und schon in 18 Sprachen übersetzt. So kann Erfolg auch aussehen. Die meisten unserer Zuhörer haben den richtigen Zeitpunkt für so eine steile Karriere wohl schon verpasst. Geschafft hat das der französische Schriftsteller Edouard Louis, der eigentlich Eddy Bellegeule, also Eddy Schönmaul, heisst.

Und er hat es geschafft mit einer schonungslosen Darstellung der Kindheit und Jugend eines schwulen Jungen in der tiefsten französischen Provinz. Wie der auf der Suche ist und versucht, sich mit seiner von der Norm abweichenden sexuellen Orientierung in einer lust- und lebensfeindlichen Umwelt zurechtzufinden. Zwar ein Roman, aber wohl ein weitgehend autobiographischer.

Es beginnt gleich damit, dass Eddy Bellegeule von zwei Mitschülern, einem großen Rothaarigen und einem Kleinen mit einem Buckel, als Schwuler beschimpft und dann malträtiert wird: erst bespuckt, dann immer heftiger mit den Füßen getreten, sein Kopf macht blutige Bekanntschaft mit einer Backsteinwand. Nein, nicht einmal, sondern täglich wird das Prügelritual, in kollusivem Einverständnis mit den Tätern, an abgelegenem Ort in der Schule praktiziert.

Wir sind in der Picardie, 150 km nördlich von Paris, wo das Einkommen weit unter dem EU-Durchschnitt (also inklusive Rumänien und Bulgarien) liegt. Da leben nur Verlierer und Habenichtse, kleine Leute, die sich durchschlagen müssen, Proletarier, Prolos eben. Und Eddys Eltern gehören gewiss dazu. Geredet wird, in vorgestanzten Leerfloskeln, aneinander vorbei. Statt dessen führt der ununterbrochen laufende Fernseher das Wort. Menschliche und kulturelle Einöde pur.

Gewalt durchzieht das ganze Leben der Menschen in der Region. Die Gewalt geht immer von den Männern aus. Sie prügeln sich, sie schlagen ihre Frauen und wer von der Norm abweicht, kriegt erst recht was ab.

Eddy ist so einer. Er spielt lieber mit den Mädchen Schminken als mit den Jungen Fußball. Seine Stellung als Schwuler, als Außenseiter, als Weichei ist damit besiegelt. Auch wenn er sich noch so anstrengt, die Normen seiner heterosexuellen Mitschüler zu erfüllen. Dazu gehört, eine Freundin zu haben und sie flachzulegen. Für einen kurzen Moment übernimmt Eddy die Rolle des "echten Kerls" und versucht, auch diese Norm zu erfüllen. Beide Male geht es schief, wie es schiefer nicht gehen kann. Voll beklemmend, wie er sich dabei abrackert und seine sexuelle Orientierung, ja seine ganze Persönlichkeit gegen den Strich zu bürsten versucht. Es geht einfach nicht. Alles endet in einer Katastrophe.

Es gibt für Eddy nur einen Ausweg: weg von da, weg aus der Enge, weg aus dem homophoben Klima der Landleute aus der Picardie. Über eine Theater-AG schafft er den Absprung auf das musische Gymnasium in Amiens. Das ist wenigstens schon mal die Hauptstadt de Region. Und nun ist er in Paris angekommen. Das Ende von Eddy ist dann wohl der Anfang von Edouard. Wir sind gespannt, wie es weitergeht.

Das weitgehend autobiografische Buch ist sehr lebendig erzählt und auf dem bestem Weg, wie schon in Frankreich auch in Deutschland ein großer Erfolg zu werden. Kein Wunder, wenn man einen so renommierten Verlag hat. Aber hier wird tatsächlich ein Buch gepuscht, das diesen Einsatz völlig verdient hat. Edouard Louis hat einen schörkellosen, unemotionalen und daher sehr angemessenen Erzählstil. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat auch für die schwulen Befindlichkeiten fast immer die richtigen deutschen Wörter gefunden, was nicht leicht gewesen sein dürfte. Edouard Louis erzählt aber nicht nur seine Geschichte, er versucht auch mit kurzen und trockenen Kommentaren Zusammenhänge herzustellen, die wahren Ursachen der Gewalt offenzulegen und die psychischen Voraussetzungen von Prügelattacken aufzuzeigen, ohne dass das Buch dadurch seine leichte Lesbarkeit verliert. Und er tut dies, wie Generationen französischer Schriftsteller vor ihm, von einem sehr linken klassenbewussten Standpunkt aus. Das wirkt dennoch fast nie aufdringlich oder penetrant. Gut gemacht.

Sicher eines der wichtigsten Bücher in diesem Jahr für uns. Unbedingt ein "must have". Gern wünschte ich ja unseren Hörern "Viel Spaß beim Lesen", aber das bleibt mir diesmal im Halse stecken - zu beklemmend ist das, was Eddy Schönmaul in seiner Kindheit und Jugend in der nordfranzösischen Provinz widerfahren ist. "Anmutig", wie eine Zeitung schrieb, ist an dem Roman gar nichts. Für uns alle, die wir ja einmütig und entschlossen gegen Homophobie in aller Welt eintreten, gibt es noch immer viel zu tun.

Edouard Louis, Das Ende von Eddy, S. Fischer Verlag, 205 S.

© Jörg Bressau